Urlaub 2000:  Peru

                     Der Urlaub der bunten Farben

 

Wir haben uns für dieses Jahr etwas ganz Besond-eres vorgenommen: Peru. Mittelamerika mit seiner Inka-Kultur hatte für mich immer schon einen eigenen Reiz. Mit von der Partie ist unser Freund Hans.

 

Die Anreise ist stressig: über Madrid nach Sao Paulo, dann weiter nach Santiago de Chile. Lediglich der Flug über die Anden ist spektakulär. Die letzte Station ist Lima. Als wir dort ankommen, sind wir, die Wartezeiten bei den Transitflügen mitgerechnet, 30 Stunden unterwegs.

 

Hans‘ Koffer war dem Umsteigstress nicht gewachsen und ist irgendwo auf der Strecke geblieben. Jedenfalls als wir in Lima ankommen ist er nicht am Band. Das ist ärgerlich. Aber genau genommen sind wir viel zu müde um uns zu ärgern. Um uns aufzuregen, haben wie morgen immer noch Zeit. Erst mal schlafen.

 

 

 

Wir sehen nichts von Lima. Es geht gleich morgens weiter mit dem Flieger nach  Cuzco. Die Hoteldi-rektion verspricht, sich um das Kofferproblem zu kümmern.

 

Kurzer Flug nach Cuzco. Beim Aussteigen macht sich die dünne Luft bemerkbar. Immerhin sind wir auf 3600 Meter Höhe!

 

Wir sind uns einig: Cuzco ist eine reizende Stadt, voller Flair, mit Arkaden, stilvollen Holzbalkonen, und jeder Menge Händler. Wir sind jedoch angenehm überrascht, dass sie bei Weitem nicht die Aufdringlichkeit ihrer asiatischen oder gar arabischen Kollegen haben.

 

 

Nachmittags besich-tigen wir die Sehenswürdigkeiten der Stadt und die umliegenden Heilig-tümer der alten Inkas.

 

In Sacsaywaman, einer ihrer Kultstätten, werden wir zum ersten Mal konfrontiert mit einem Begriff, der uns immer wieder begegnen wird: „Energie aufnehmen“. Gemäß dem esoterischen Wissen der Inkas war Cuzco der Mittelpunkt der Welt. Hier kreuzten sich geheimnisvolle geistige und geogra-fische Linien und erzeugten Spannungsfelder, die vom Menschen angezapft werden können.

 

Auch heute noch pilgern Esoteriker aus aller Welt nach Cuzco, um sich einen Schuss Energie verpas-sen zu lassen. Hans macht ein paar diesbezügliche Übungen und bestätigt auch prompt den Erfolg.

 

Nicht auszudenken, wie schlaff und antriebslos wir umher gewandert wären ohne dieses Energie- Doping!

 

Dass bei unserer Rückkehr Hans‘ Koffer noch nicht da ist, ist ärger-lich, aber noch nicht beunruhi-gend. Schließlich ist erst ein Tag vergangen, und wie hurtig die mittelamerikanischen Mühlen mahlen, wissen wir noch nicht.

 

Am nächsten Morgen widmen wir uns dem ersten Höhepunkt unserer Reise: dem Machu Picchu. Nach mehrstündiger Anreise mit Zug und Bus beginnen schließlich die Serpentinen, die uns bis zum Gipfel hoch bringen.

 

Dann sehen wir endlich die verbor-gene Inkastadt, die erst 1911 von Hiram Bingham wiederentdeckt wurde. (s. auch Titelbild)

 

Die herrliche Bergkulisse und die dünne Luft rauben einem den Atem. Wir profitieren weidlich von diesem Eindruck und lassen uns Zeit, die Ruinen zu durchwandern. Allerdings gibt es wenig Informationen über die Bedeutung dieser Stätte. Aufzeichnungen oder Malereien, die mitunter Aufschluss geben können über das Leben der Menschen zu der damaligen Zeit, fehlen bei den mittelamerikanischen Hochkulturen weitgehend.

 

Trotzdem genießen wir die mystische Atmosphäre, die irgendwie vielleicht auch mit dem gegenüber-liegenden, fast bedrohlich wirkenden Bergmassiv zu tun haben könnte.

Beim Abstieg wehren wir uns auf dem anschließenden Eingeborenenmarkt nicht länger gegen die Versuchung und beginnen hemmungslos dieses herrlich farbenfrohe Zeug zu kaufen, was die Einheimischen anbieten.

 

Ideale Mitbringsel für die zuhause Gebliebenen.

 

 

Bei der Rückkehr ins Hotel gibt es von Hans‘ Koffer immer noch keine Spur! Jetzt tritt Plan B in Kraft: käuflicher Erwerb von Unterwäsche.

 

Wider Erwarten tun die beiden Männer bei ihren abendlichen Beutezügen tatsächlich einen Laden mit Dessous auf, doch stellt sich bald heraus, dass auch XXL-Ausführungen den germanischen Dimensionen nicht gewachsen sind. Die Inka-Version kneift und zwickt! Wo bleibt der verflixte Koffer?

 

Der Koffer hat sich schließlich gefunden und wir starten frohgestimmt in Richtung „Heiliges Tal der Inkas“, und verbringen einen herrlichen Tag in Steinruinen (zum Energietanken!) und Eingebo-renenmärkten (zum Geldausgeben!), nehmen bei herrlicher Flötenmusik und atemberaubendem Andenpanorama ein unvergessliches Mittagessen ein.

 

Bei der Rückkehr ins Hotel begrüßt Hans überschwänglich seinen wiedergefundenen Koffer. Jetzt hat er wieder so viele Socken, dass er alle halbe Stunde wechseln kann.

 

Wir verlassen Cuzco am frühen Morgen mit dem Zug in Richtung Puno. Wir leben ein wenig in den Tag hinein und haben keine Ahnung, dass sich die Fahrt volle 14 Stunden hinziehen wird.

Wir vertreiben uns die Zeit mit so anspruchsvollen Beschäftigungen wie Mau-Mau-Spielen und leiden-schaftlichen Diskussionen, wie man mit einem halben Kartenspiel richtig Rommée spielt.

 

Zwischendurch stehen wir eine glatte anderthalbe Stunde mitten in der Prärie ohne Lok, die offenbar noch anderes zu tun hat als uns durch die Gegend zu ziehen. Händler, die (welch ein Zufall!) gerade anwesend sind, vertreiben uns die Zeit.

 

Herzerfrischend lustig auch die Servierversuche der Kellner beim Mittagessen. Im Laufschritt müssen die Teller vom hinteren Wagen nach vorne gebracht werden, damit die Hähnchen, zudem dass sie zäh, nicht auch noch kalt sind. Besonders heiterkeits-trächtig und spannend ist dabei der artistische Hopser, wenn der Kellner bei den starken Schwan-kungen und Sprüngen von einem Wagen in den anderen wechselt. 

 

In Juliaca sind wir auf fast 4000 Meter Höhe und sind dankbar für den Heizofen, der in unserem Zimmer steht. Die Luft ist dünn, und es ist bitterkalt. Ein ausge-zeichneter Grund, sich eng anein-ander zu kuscheln.

 

Am nächsten Tag besichtigen wir alte Begräbnisstätten und ein authentisches Bauernhaus und sind beeindruckt und erschüttert von den ärmlichen Verhältnissen und von der Einfachheit der Lebensweise in den Familien.

 

 

Dann erleben wir ein einzigartiges Highlight: den Titicacasee, den höchsten schiffba-ren See der Welt.

 

Wir sind mittler-weile so gut akkli-matisiert, dass wir mit den 4000 Meter Höhe leben können. Wir fahren mit einem Motorboot hinaus zu den Uro-Indianern, die auf selbstgemachten schwimmenden Schilf-inseln leben.

 

Hier wird das Gefühl, das uns die ganze Zeit schon beschäftigt, fast greifbar: Wie kann man ein solches Leben in absoluter Ereignislosigkeit und Gleichförmigkeit nur aushalten? Vergeblich halten wir Ausschau nach einem Fernseher oder Computer oder doch wenigstens einem Handy – nichts! Das einzige Bestreben gilt den elementaren Bedürf-nissen: genug zu essen zu haben und die eisigen Nächte mit saftigen Minusgraden zu überstehen.

 

Und trotzdem verströmen diese Menschen eine urtümliche Fröhlichkeit, sind glücklich, wenn wir ihnen etwas von ihren Handarbeiten abkaufen.

 

Wir verfangen uns in einer lebhaften Diskussion, welche Lebensphilosophie die glücklichere ist –unsere oder die ihrige. Obwohl am Ende die Erkenntnis steht, dass auch die einfachsten Verhältnisse Glück bereithalten können, sind wir doch dankbar, dass wir auf der anderen Seite der Erdkugel geboren wurden.

 

Die Idee, dass man glücklich sein kann, ohne dass man eine materielle Absicherung hat, verunsichert.

 

Wir vertrödeln den Vormittag mit Lesen und Schuhputzen lassen und fliegen am Nachmittag weiter nach Arequipa, der „weißen Stadt“. Hier erleben wir, zur Abwechslung einmal, eine Stadt, die das Attribut „zivilisiert“ (nach unseren Maßstäben) verdient.

 

Arequipa ist der Ausgangspunkt für unser Verlängerungsprogramm, das uns in Colca-Schlucht bringen soll. Wir erleben das Andenpanorama jetzt hautnah, fahren über holprige Wege und begegnen massenhaft wilden Lama-, Alpaka- und wie Vicunaherden. Wir erreichen am frühen Nachmittag unseren Bestimmungsort Chivay, und fahren zu den heißen Thermen. In dem heißen Wasser lassen sich die Strapazen der Anreise vergessen.

 

Als die Sonne verschwindet, gehen die Tempera-turen geradezu dramatisch zurück. Auch hier sind wir auf knapp 4000 Meter Höhe. Doch im Gegen-satz zu Puno gibt es keine Heizkörper in den Hütten, die ohnehin nicht hermetisch dicht zu sein scheinen. Wir schlafen dick vermummt in unseren Kleidern und Träumen von den hochsommerlichen Temperaturen zuhause.

 

 

Nach einem guten Frühstück sind die Depressionen der vergangenen Nacht verschwunden. Wir machen uns alte Indianerweisheiten zu eigen, zum Beispiel: „Was uns nicht umbringt, macht uns härter“. Mit solch schlauen Sprüchen ist man gegen jede Widrigkeit gewappnet. Wir freuen uns auf den Ausflug zum Colca Canyon.

 

An einer touristengeeigneten Stelle fällt der Canyon auf 1200 Meter tief ab. Damit muss der amerikanische Grand Canyon vor Neid erblassen.

 

Aber die eigentliche Attraktion liegt noch in etwas anderem: Durch die Sonnenstrahlung und den engen Canyon entsteht eine interessante Thermik, die die riesigen Kondore ausnutzen, um dort erhaben ihre Kreise zu ziehen. Ihre Flügelspann-weite von 3 Meter ist schon ein beachtliches Größenverhältnis. Ohne die Mithilfe der Thermik wäre ein Fliegen für die mächtigen Tiere schlecht möglich.

 

 

Auf der Rückfahrt erfahren wir restlos alles über das, was die Inkas offenbar am besten konnten: Terrassen bauen.

 

Tatsächlich bezieht das ganze Colca-Tal seinen besonderen Reiz durch die abertausend bepflanzten Terrassen.

 

Nach dem Mittagessen (zum dritten Mal nun Spargelcreme-suppe und der schwierigen Wahl zwischen zähem Alpaka-Steak oder halbrohem Hühnchen) geht es auf dem gleichen Weg wieder zurück in die Zivilisation: nach Arequipa.

 

 

Nach dem Frühstück erwartet uns George, der einzige Führer, der zu deutschen Lauten fähig ist. Er zeigt uns seine Stadt, und aus allen Ausführungen spricht sein unbändiger Stolz. Selbst die Sonnen-einstrahlung (sagt er!) sei hier intensi-ver als anderswo, was zwar geophysika-lisch sicher nicht ganz belegbar ist, aber stimmig zu den vielen Superlativen passt, die er für seine Stadt gebraucht.

 

Und wirklich: die Stadt ist schön. Vor allem der Blick auf das atemberaubend schöne Chili-Tal mit den schneebedeckten Andengipfeln als Hintergrund.

Doch dass die Welt auch in Arequipa nicht nur in Ordnung ist, zeigt ein Blick auf die „Plaza de Armas“. Es wimmelt nur so von Menschen.

 

Doch was auf den ersten Blick wie ein geschäftiges, buntes Treiben aussieht, erweist sich bei näherem Hinsehen als echte Tragödie: Die vielen Menschen sind schlicht und ergreifend auf Arbeitssuche. Als sich abzeichnet, dass es auch an diesem Tag wieder einmal keine Arbeit für sie gibt, entlädt sich gegen Mittag der Volkszorn in lautstarken Demonstra-tionen. Wir bleiben in respektvollem Abstand. 

 

Gegen Abend fliegen wir zurück nach Lima, unserem letzten Baustein.

 

Die Nacht war kurz in den bequemen Betten des Sheraton, in die eine ganze Großfamilie von Uro-Indianern gepasst hätte. Am Abend davor haben wir an der Bar einige gepflegte Drinks zu uns ge-nommen und die Bettschwere war dementspre-chend gewesen. Wenn man dann schon um 05:00 Uhr wieder auf den Füßen sein muss, kann ein Durchhänger schon entschuldbar sein. Mag sein, dass dies alles der Grund war für unsere nächste Katastrophe!

 

Wir hatten unsfür 05:15 Uhr zum Frühstück verabredet und sitzen nun übernächtigt vor unseren Rühreiern und dem unvermeidlichen Cocatee. Hans bemerkt beiläufig, dass seine Koffer schon um 05:00 Uhr abgeholt worden seien. Er hat sie, da sie schon fertig gepackt waren, auch bereit-willig herausgerückt. Die Bemerkung geht in der allgemeinen Schlaftrunkenheit noch kommentarlos unter,  doch als wir in der Lobby, wo wir die Aufbewahrungstickets bekommen, nach den Koffern suchen, trifft uns fast der Schlag: der verflixte Koffer ist schon wieder weg!

 

Des Rätsels Lösung: der Bellboy hat die Zimmer verwechselt und Hans‘ Gepäck zum Flughafen geschickt, wo es bei Gott nichts zu suchen hat. Plötzlich sind wir hellwach–und die Sheraton-Typen noch mehr! Da aber schon wenige Minuten später unser Bus nach Ica vorfährt, können wir den Fortgang der ausbrechenden Hektik nicht mehr weiterverfolgen.

 

Auf jeden Fall haben wir wieder etwas zu Grübeln auf der nun folgenden Busfahrt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Doch eine anderthalbe Stunde lang spielt sogar das Kofferthema keine Rolle. Dann nämlich sitzen wir in einer kleinen Sportmaschine und kreisen über den geheimnisvollen Linien von Nazca. Neben den mysteriösen Tierfiguren überrascht auch, dass das gesamte Hochplateau geradezu vollgekritzelt ist mit schnurgeraden, kilometerlangen Linien, die unwill-kürlich an Richtungsangaben erinnern. Man kann es dem guten von Däniken schon nachsehen, dass er bei diesen Zeichnungen, die nur von der Höhe (also vom Flugzeug aus) erkennbar sind, an Botschaften für Außerirdischen glaubte.

 

Dagegen verblassen die anderen Erklärungen völlig: Kultstätten sollen sie angeblich sein (aber wo sind die Menschensiedlungen gewesen?) Oder Kalender (aber wie hätte der funktioniert?) Seltsam, seltsam!

 

Am Abend machen wir einen Abstecher ins Zentrum von Ika, essen zu Abend und nehmen Kontakt auf zu den Einheimischen. Dabei revolutioniere ich das Weltbild der Südamerikaner von uns Europäern, indem ich, mit Blick auf meine beiden Bodyguards, erkläre, dass es in Deutschland selbstverständlich ist, dass eine Frau 2 Männer hat.

Die heruntergeklappten Kinnladen sind einfach köstlich!

 

 

Wir brechen morgens auf zu unserer letzten Tour: nach Paracas. heute ist unser letzter Tag in Peru, und allmählich stellen wir uns mental wieder auf die Heimreise ein.

 

In Paracas besteigen wir ein Motorboot, das uns zu den Ballestos-Inseln bringt, einer abenteuerlich zerklüfteten Ansammlung von kahlen Inseln, auf denen Tausende und Abertausende von Seelöwen, Robben, Pinguinen, Tölpeln und anderen Vögeln unbekannter Art leben. Die Kameras klicken im Akkord und bannen die ungewöhnlichen Bilder auf Zelluloid. Schade nur, dass wir keine Videokamera dabeihaben, die die Geräusche aufzeichnet. Die sind mindestens ebenso außergewöhnlich wie der salzige Geschmack des Meeres, vermischt mit dem strengen Geruch der tierischen Exkremente der riesigen Tierkolonie.

 

Dann geht es zurück mit dem Bus nach Lima. Im Sheraton: ergreifende Wiedersehensszene zwischen Hans und seinem Koffer. Dann müssen wir unser auf vielen Weltreisen geschultes Talent aktivieren und die Koffer so kunstvoll packen, dass die ganzen Mitbringsel und Geschenke sicher verstaut sind. Die Taschen sind prall gefüllt und wir lassen sie keinen Augenblick aus den Augen, vertrauen sie auch keinem noch so vertrauenswürdig aussehenden Bellboy an.

 

 

 

Dann erleben wir unsere Reise nochmals im Rückwärtsgang: die gleichen Stationen wie vor 14 Tagen, nur umgekehrt. Santiago de Chile ist noch düsterer und regnerischer als auf der Hinreise, der Anflug auf San Paulo ist genauso gigantisch, die 10 Stunden Flug bis nach Madrid ziehen sich genauso endlos hin, alles wie gehabt.

 

Nur die letzte Etappe, der Flug zwischen Madrid und Frankfurt, ist anders. Haben wir auf der Hinreise noch frohe Erwartungshaltung, Spannung, Neugier und Nervenkitzel empfunden, so fiebern wir jetzt einer Landung zu Hause entgegen. Es ist ein unglaublich gutes Gefühl, als wir wieder heimischen Boden betreten – alles dass wir nicht dem päpstlichen Vorbild folgen und den Boden küssen.

 

Ein stilles Dankgebet an der Gepäckausgabe, als alle unsere Koffer mit dem vielen bunten Zeug vollständig und wohlbehalten angekommen sind.

 

Endlich wieder zu Hause – aber die Erinnerungen am 14 außergewöhnliche Tage in Peru bleiben.

 

Und das Rädchen, wo es im nächsten Jahr hingehen soll, beginnt schon wieder sich zu drehen…