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Unter Miriams Einfluss beginnt Charles, sein Verhältnis zu seinen Sklaven zu überdenken. Er bemüht sich, Fehler aus der Vergangenheit zu bereinigen.
Der Termin für die Hochzeit stand fest! Charles hatte das Gefühl, als ob dieser 27. September die Geburtsstunde eines neuen Lebens sein würde, eines Lebens, das er derzeit auf Probe lebte, von dessen paradiesischen Momenten er kleine Häppchen abbekam, kleine Kostproben des Glücks, der Erfüllung, umgeben von Menschen, die er liebte und die ihn liebten, die jeden Tag zu einem Ereignis machten, auch wenn nichts, aber auch überhaupt nichts Wichtiges, nichts Gravierendes passierte. Er freute sich jeden Morgen, wenn er neben dem schönen Mädchen mit den klaren Augen aufwachte, er freute sich auf den Tag mit ihr, auf eine Tasse Kaffee mit Ann und Richard und auf einen heiterkeitsträchtigen verbalen Waffengang mit Mike.
Aber trotzdem hatte er immer das Gefühl, dass es sich nur um ein geborgtes Glück handelte. Noch konnte alles wie eine Seifenblase zerplatzen. Erst mit der Trauung würde alles seine Richtigkeit haben. Er hatte keinen allzu engen Bezug zur Kirche. Aber in diesem Fall brauchte er die offizielle Absegnung, die Bestätigung seines Glücks durch eine unanfechtbare Autorität. Niemand durfte mehr den geringsten Zweifel haben, dass diese außergewöhnliche Frau an seine Seite gehörte. Father Ken McEvan würde der wichtigste Mann des Tages werden. Er noch mehr als der Friedensrichter von Asheville, der ihre Ehe ebenfalls dokumentieren musste.
Diesen Neubeginn seines Lebens wollte er ernst nehmen. Was in der Vergangenheit passiert war, konnte nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Auch die dunklen Punkte seines Lebens würden auf seinem Konto eine unauslöschbare Größe sein, resistent gegen jeden Versuch, sie zu vergessen. Also musste man mit ihnen umgehen, musste sie anpacken. Sie zu ignorieren, zu warten, bis sie von selbst ihre Schändlichkeit verloren – das war der falsche Weg. Er hatte gelernt, sich seinen Fehlern zu stellen, auch wenn es weh tat. Er war es sich und Miriam schuldig, alle Altlasten aus seinem bisherigen Leben zu entsorgen und frei in ein neues Leben zu starten.
Und da war in der Tat ein übler Fleck auf seiner auch sonst nicht ganz sauberen Weste der Ehre. Was immer mit Maureen im Zusammenhang stand – da konnte er nichts mehr ändern. Aber jemand anderes lebte noch. Und es nagte an Charles, dass er ihm nicht in die Augen sehen konnte.
Charles durchmaß mit langen Schritten sein Zimmer. Trotz des guten Vorsatzes fiel es ihm nicht leicht, die entsprechenden Taten folgen zu lassen. Um Verzeihung zu bitten – dazu bedurfte es eines besonderen Wortschatzes, über den Charles nicht so locker verfügte. Galanterien und Handküsse waren eher seine Domäne, aber die waren in diesem Zusammenhang nicht sonderlich gefragt.
Charles gab sich einen Ruck, verließ sein Jagdzimmer und begab sich zu den Sklavenbaracken.
*
Ungläubiges Erstaunen malte sich in den Gesichtern der sechs Schwarzen ab, als Charles mit einem Ruck die Tür aufmachte und mit zwei Schritten mitten im Zimmer stand. Zu der Geste höflich anzuklopfen – dazu konnte er sich nun doch nicht durchringen.
Unwillkürlich sprangen die Männer von ihren Plätzen. Links an der Wand stand Zacharias. Sein ebenholzschwarzer, bloßer Oberkörper gab den Blick frei auf jeden Muskel seiner mächtigen Arme. Auch George, der Älteste, der Charles bei seinem Kampf gegen die lausigen Astlöcher geholfen hatte, hatte sein Hemd ausgezogen und verströmte den Eindruck einer elementaren Körperkraft. Jacob, einer der Sänger, Jimbo und Samuel drängten sich aneinander. Ob sie sich gegenseitig schützen wollten vor diesem hochgewachsenen Weißen mit dem durchdringenden Blick oder ob sie eine Mauer aus Aggression bildeten – das war zunächst nicht auszumachen. Doch Charles beachtete sie gar nicht. Sein Interesse galt dem sechsten Mann in diesem Raum.
„Ich bin gekommen, um mit dir zu reden, Matthew.“
Matthew antwortete nicht. Er war ein gut aussehender Schwarzer, vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt, von mittlerer Statur, aber, wie alle anderen auch, durchtrainiert und bemuskelt durch die tägliche harte Arbeit auf den Feldern. Er starrte Charles an, und sein Gesichtsausdruck war kaum zu deuten. Zu viele widersprüchliche Empfindungen spiegelten sich in seinen Zügen. Da war Angst vor dem Mann, dem er die schlimmsten Augenblicke seines Lebens verdankte, da war auch Hass, aus genau den gleichen Gründen, da war aber auch, und das verwirrte ihn am meisten, ein Anflug von Bewunderung für diesen Herrenmenschen, der kaltblütig und scheinbar ohne jede Sorge um sein Leben hier in ihren Lebensraum eindrang.
Hier war jedoch weniger Bewunderung angebracht als er glaubte. Charles hatte einfach aus einer arroganten Gedankenlosigkeit heraus die Idee gar nicht erst zugelassen, dass seine Schwarzen aggressiv sein könnten. Dabei hätte ihm die Szene nach dem Tod der alten Thilda schon eine Warnung sein müssen. Er hätte natürlich nicht auf den Besuch in der Baracke verzichtet. Nein, aber er hätte ein Messer oder eine Pistole mitgenommen für den Fall der Fälle. Ein Messer oder eine Pistole, die er jetzt nicht hatte.
Matthew war immer noch nicht im Reinen mit sich und seinen Absichten. Er verspürte den Drang die Hand zu heben zu dem alles entscheidenden Fanal zum Angriff gegen den weißen Peiniger, empfand jedoch gleichzeitig ein Verzagtsein, das ihm die Hand lähmte. Er schaute hilflos zu Zacharias. Der zügelte in seinen Blicken weder den Hass noch die Verachtung, die er für Charles empfand, rührte sich jedoch auch nicht von der Stelle.
George, Jacob, Jimbo und Samuel, die restlichen vier Schwarzen, schienen die Gefühlsskala der beiden anderen nicht zu teilen. Sie schickten sich an, den Raum zu verlassen. Der Master wollte mit Matthew sprechen, nicht mit ihnen.
„Bleibt!“, befahl Charles, ohne Schärfe in der Stimme. „Ihr könnt alle hören, was ich Matthew zu sagen habe. Setzt euch wieder.“
Die Männer gehorchten. Lediglich Matthew und Zacharias blieben stehen, in einer ungemütlichen Mischung aus Unsicherheit und Trotz. Charles insistierte nicht.
„Zieh dein Hemd aus!“, befahl er Matthew. Und auch diesmal entschärfte der moderate Ton den Befehl. Matthew ließ sich einen langen Moment Zeit, seinen Blick fest verhakt in den von Charles, dann zog er langsam sein Hemd aus.
Charles war froh, dass er einen Grund hatte, seine Augen von denen seines Gegenübers zu lösen. Das war kein einfaches Duell gewesen. Er hatte den Blick eines Mannes aushalten müssen, in dem er die ganze Verachtung für eine schändliche, ruchlose Tat verspürte, den Vorwurf, ein verdammter, ehrloser Schweinehund zu sein. Und das Schlimmste war, dass er dem noch nicht einmal widersprechen konnte – weder in Worten, noch in Blicken. Er widmete schließlich mit einiger Erleichterung sein ganzes Interesse den beiden Narben an Matthews rechtem Oberarm und an der linken Hüfte. Dann holte er tief Luft. Er wollte es hinter sich bringen.
„Diese Narben habe ich ihm beigebracht“, sagte er mit klarer Stimme. Der Adressat seiner Worte war nicht ganz klar. Vielleicht war das als Erklärung für die fünf anderen Anwesenden im Raum gedacht, wobei er davon ausgehen konnte, dass jeder im Raum die Geschichte dieser Verletzungen kannte. Vielleicht redete er aber auch zu sich selbst, in dem Bemühen, schuldhaft Gewordenes klar auf den Punkt zu bringen, um dadurch den Selbstreinigungsprozess zu ermöglichen.
Die Schwarzen im Raum hielten den Atem an. Das Gespräch nahm eine erstaunliche Wendung.
„Ich erinnere mich nicht mehr an alles“, fuhr Charles fort. „Ich glaube, du hattest einen Krug zerbrochen. Keinen wertvollen, aber das war auch nicht wichtig. Der Krug war ohnehin nur ein Vorwand dafür, einen Menschen quälen und demütigen zu können.“
Er schwieg einen Moment lang. Dann sagte er:
„Das war schlimm. So darf man einen Menschen nicht behandeln.“
Seine Stimme ließ jedes Pathos vermissen. Er erklärte mit einfachen Worten einen einfachen Sachverhalt. Sein Blick suchte wieder den seines Gegenübers. Fassungslos sah Matthew seinen Herrn an. Doch jetzt waren es seine Augen, die verschwammen und die Konfrontation zu scheuen schienen.
„Ich könnte mein Verhalten erklären durch meine Krankheit, aber entschuldigen kann ich es nicht. Es bleibt ehrlos und niederträchtig.“
Das waren eigentlich stärkere Worte als er beabsichtigt hatte, aber das war ihm jetzt gleichgültig. Er sah im Geiste wieder die panisch aufgerissenen Augen des Jungen, der versuchte, sich vor den fliegenden Messern in Sicherheit zu bringen, hörte den Schrei, als ihn das Messer zum ersten Mal traf, sah die Pistole in seinen Händen, mit der er den jungen Schwarzen zwang, die Messer wieder einzusammeln und sie ihm zu bringen, damit das Spiel in die zweite Runde gehen konnte. Wieder sah er die Messer fliegen. Er war gut im Werfen, zielsicher und geschickt. Noch konnte er schwungvolle Bewegungen ausführen. Ein Jahr später würden ihm Vergnügungen dieser Art nicht mehr möglich sein. Da würden seine Gliedmaßen in einem Panzer von Schmerz gefangen sein. Aber noch ging es lustig zu. Er traf den Jungen ein zweites Mal, diesmal in der Hüfte, kommentierte den Treffer mit einem wilden Lachen – bis Winston den Raum betrat, ihm die fast leere Whiskeyflasche abnahm und bitterlich zu weinen anfing. Die Tränen des Alten zerrissen einen Vorhang in ihm, der ihm seine Niedertracht und seinen moralischen Abstieg schonungslos vor Augen führte, und er schämte sich zutiefst. Aber ungeschehen machen konnte er weder die Fleischwunden des Jungen an Oberarm und Hüfte, noch die unsichtbaren Wunden, die noch schlimmere Narben auf seiner Seele hinterließen.
„Ich kann es nicht mehr rückgängig machen, was passiert ist. Ich kann nur hoffen, dass du mir verzeihen kannst.“
Charles’ Stimme war absolut sachlich. Keine überflüssige Gefühlsduselei, auch keine übergroße Zerknirschung – es war lediglich die ungeschminkte Darlegung einer ruchlosen Schandtat, deren Urheber er war. Nicht mehr und nicht weniger!
Matthews Blick flackerte. Was hier geschah, passte in kein Schema mehr. Sein Herr, dieser unnachsichtige, reizbare und oft unbeherrschte Weiße, bat ihn, den schwarzen Sklaven, um Verzeihung! Und das vor allen anderen! Jeder konnte diese seine Selbstbezichtigung miterleben. Ratlos flog sein Blick zu Zacharias.
„Warum tun Sie das?“, fragte der an seiner Stelle. Seine Stimme klang heiser, gepresst, als habe er Mühe zu sprechen.
Eigentlich war Charles nicht bereit, dessen Fragen zu beantworten. Er wusste um die tiefe Aversion, die Zacharias für ihn bereit hielt, und er teilte sie, weil er von dem rebellischen Schwarzen nichts als Scherereien gewohnt war. Aber er hatte die Männer zum Bleiben aufgefordert und ihnen damit auch in gewisser Weise das Recht auf Teilhabe an diesem Gespräch eingeräumt, auch diesem Halunken Zacharias, dessen Blicke nicht die mindesten Zweifel zuließen, wie viel Wut und Groll unter seiner schwarzen Haut brodelten.
„Ich werde in nicht ganz drei Wochen heiraten. Eine ganz besondere Frau heiraten. Da will ich versuchen, mit meinem Gewissen im Reinen zu sein. Und die Sache mit Matthew war schlimm.“
Eine Pause entstand. Das ehrliche Geständnis verlangte nach Zeit, um sich in den Köpfen aller Anwesenden seinen Platz zu suchen. Doch Zacharias hatte seine eigenen Schwerpunkte in diesem Gespräch ausgemacht. Sie hatten nichts mit Matthew zu tun.
„Sie hat schwarzes Blut in sich.“
Charles war nicht undankbar für die veränderte Stoßrichtung. Über Miriam zu reden war entschieden angenehmer.
„Wie du siehst, stört mich das nicht. Sie wird ein schönes Leben an meiner Seite haben – und die Möglichkeit alles zu tun, was sie für richtig hält.“
Zacharias brauchte nur einen ganz kurzen Augenblick, bis es ihm wie Schuppen von den Augen fiel, bis ihm klar wurde, dass er jede Hoffnung, jeden Anspruch auf Miriam vergessen konnte. Hatte es vorher schon keinen Grund gegeben an Gefühle zwischen ihm und dem Mädchen zu glauben, so machten Charles’ wenige karge Worte klar, dass er nicht das Recht hatte von ihr zu verlangen, dass sie ein Leben in Reichtum und Luxus ausschlagen konnte, um an seiner Seite ein unfreies Sklavendasein zu führen. Miriam war in unerreichbare Fernen entschwunden, und je eher er dies akzeptierte, desto besser würde es sein. Versagen und entsagen – das waren die festen Größen in seinem Leben. Wieder einmal würde es eine weitere Variante dieses Musters geben. Eine besonders schmerzhafte Variante. Aber er war die Peitschenhiebe des Schicksals gewohnt.
Er liebte Miriam genug, um ihr das Potenzial an Glück an der Seite des reichen Masters zu gönnen. Er war auch realistisch genug zu wissen, dass selbst der Tod des verhassten Weißen ihn seinem Ziel keinen Deut näher bringen würde. Er würde nur die Trauer der Frau, die er liebte, hervorrufen, sie aber unmöglich in seine Arme treiben. Eine tiefe Resignation griff Raum in seinem Innern, eine Resignation, die er sehr gut kannte, die ihn sein ganzes Leben schon begleitet hatte, die besonders in den Fällen übermächtig wurde, wenn er an den Stäben seines inneren Gefängnisses rüttelte, wenn er mit selbstmörderischer Verzweiflung gegen seine Unfreiheit rebellierte, Fluchtversuche unternahm, die wiederum kläglich scheiterten und die ihn, noch tiefer gedemütigt, wieder in sein Sklavendasein zurückwarfen, mit dem von der Peitsche zerschundenen Rücken und einer noch viel schlimmer gemarterten Seele.
Miriams Einsatz damals, als das Seil schon um seinen Hals gelegt war, und sie um sein Leben bat – da war es das erste Mal in seinem trostlosen Leben gewesen, dass irgendjemand sich für ihn eingesetzt hätte. Die Erfahrung war so ungeheuerlich gewesen, dass ihm schwindelte. Doch er erkannte – nicht mit seinem Verstand, sondern mit seinem Gefühl – dass er Dankbarkeit, vielleicht Verehrung, nicht mit Liebe verwechseln durfte.
Was er sehr wohl mit seinem Verstand wahrnahm, war, dass Miriam als Herrin von Eastbourne Castle für sie, die Schwarzen, vieles zum Guten drehen konnte. Eine Kostprobe hierfür erlebten sie gerade hautnah mit: Dieser arrogante Herrenmensch hatte sich in ihre Hütte begeben, bat einen von ihnen um Verzeihung und antwortete sogar auf sehr persönliche Fragen. Niemand hätte dagegen gewettet, dass dieses Verhalten einzig und allein Miriams Einfluss geschuldet war. Dieser unerträglich überhebliche Egoist war zu einem wirklichen Menschen geworden. Wenn man genau hinsah und sich zu einer gewissen Objektivität durchringen konnte – sogar zu einem der sympathischen Sorte!
Er brach das Gespräch ab. Reden war ohnehin nicht seine Stärke, und gleich zwei Sätze formuliert zu haben – das erschöpfte fast schon das Kontingent für einen ganzen Monat!
Charles wandte sich wieder Matthew zu, der ihn immer noch ratlos anstarrte. Charles wagte den entscheidenden Schritt. Er hielt ihm die offene Hand hin. Die Versöhnung trat in eine finale Phase.
„Glaubst du, dass du mir verzeihen kannst?“
Auch jetzt wieder kühle Sachlichkeit in der Stimme. Es war die informative Frage, ob Matthew bereit war, zu vergeben und zu vergessen. Wenn der Schwarze dazu in der Lage war – gut. Wenn nicht, dann hatte er seins getan. Mehr konnte er nicht tun. Wenigstens hätte er es versucht.
Matthew sah die ausgestreckte Hand an, rührte sich aber nicht. Charles hatte die Geduld und den Anstand, dem jungen Schwarzen die Zeit für seinen inneren Kampf zuzugestehen.
„Wenn du nicht einschlagen willst, werde ich das akzeptieren“, sagte er nach einer Weile. Die ausgestreckte Hand zeigte immer noch in Matthews Richtung, obwohl die Länge der Wartezeit schon fast ein wenig peinlich war. „Aber wenn du einschlägst, dann solltest du das auch so meinen“, fuhr er fort. „Ein Handschlag – das ist ein bindender Vertrag zwischen Ehrenmännern.“
„Ehrenmänner?“, wiederholte Matthew heiser. Charles nickte.
„Natürlich.“
„Sie sehen in mir einen Ehrenmann?“
„Warum nicht?“
Jetzt näherte sich die schwarze Hand zaghaft der ausgestreckten weißen – und schlug ein. Charles’ Züge entspannten sich ein wenig. Es wäre doch ein übler Gesichtsverlust gewesen, wenn ihm ein Sklave den Handschlag verweigert hätte. Er war zufrieden mit dem Verlauf des Gesprächs. Er hatte eine alte Schuld beglichen, die ihn tatsächlich gedrückt hatte, er hatte einen Todfeind weniger, und er konnte nicht sehen, dass sein Ansehen unter den Sklaven gelitten hätte – trotz der schonungslosen Selbstbezichtigung. Er verströmte, selbst wenn er um Verzeihung bat, so viel Autorität, dass es zu keinem Zeitpunkt demütigend wirkte. Auf den Gesichtern der Umstehenden spiegelte sich der Ausdruck tiefster Zufriedenheit, ja sogar Freude. Eine Aussöhnung zwischen Matthew und ihrem Herrn – das passte in das neue Bild, das sie von Eastbourne Castle bekamen: einem Ort, wo es allmählich wieder Spaß machte zu leben.
Der schwarze und der weiße Mann maßen sich immer noch mit Blicken, doch hatte keiner mehr Schwierigkeiten, dem anderen standzuhalten. Fronten waren geklärt, offene Wunden waren versorgt, eine verletzte Seele hatte Genugtuung erhalten – ein Heilungsprozess konnte beginnen, der zur absoluten Gesundung führen sollte – auf beiden Seiten. Charles wollte dazu beitragen, ihn zu beschleunigen.
„Ich würde dir gerne einen Wunsch erfüllen, sozusagen um das Kriegsbeil ein für allemal zu begraben. Gibt es etwas, was du dir wünschst?“
Matthew war auf dieses Angebot nicht gefasst. Hilflos zuckte er mit den Schultern.
„Na, komm schon. Irgendwas wirst du dir doch wünschen! Wer weiß, wann solch ein Angebot wieder auf den Tisch kommt.“
Matthew holte tief Luft. „Ich würde gerne den Blumenschmuck übernehmen bei Ihrer und Miss Miriams Hochzeit.“
„Selbstverständlich. Gerne. Aber das ist doch ein Wunsch, von dem Miriam und ich profitieren. Ich möchte, dass du für dich selbst einen Wunsch benennst.“
Der Junge zögerte einen langen Augenblick, dann sprach er ihn aus.
„Ich würde gerne einmal reiten. Wie ein Herr.“
„Du magst Pferde?“
Matthew nickte nachdrücklich. „Sehr.“
Charles überlegte keinen Moment.
„Dann komm mal mit“, sagte er. „Ich glaube, das wird dir gefallen.“
Er wollte sich gerade umdrehen, um den Raum zu verlassen, als eine massige Gestalt den Türrahmen ausfüllte. Josua erschien, die Augen düster und hasserfüllt auf Charles gerichtet. Seine beiden Hände hatte er in den Hosentaschen versenkt. Der Zeitpunkt zum Handeln war gekommen. Dieser unverfrorene, leichtsinnige Weiße war in ihre Sphäre eingedrungen, arrogant, unbesorgt, dass ihm irgendetwas widerfahren könnte. Josua würde ihn vom Gegenteil überzeugen.
Ein Blick auf die Gesichter der anderen sagte ihm sehr schnell, dass er sich auf die nicht verlassen konnte. Da malte sich weder Wut noch Hass ab. Eher Sorge, die aber an seine Adresse ging. Was hatte er vor?
Josua war entschlossen, zur Not die Sache allein durchzuziehen. Matthew und Zacharias würden sich schon auf seine Seite schlagen, wenn es so weit war. Er musste den Anfang machen. Vor allem aber wollte er sich nie wieder von einem unbewaffneten Weißen dermaßen lähmen lassen, wie das damals nach dem Tod der alten Thilda der Fall gewesen ist. Er hatte durch sein eigenes feiges Verhalten den falschen Mythos von der Überlegenheit der weißen Rasse bestätigt. Er hatte vor dem selbstsicheren Verhalten des Weißen gekuscht. Die Galle kam ihm immer noch hoch, wenn er daran dachte.
Charles wollte den Raum verlassen, als Matthew wieselflink an ihm vorbeihuschte und vor seinem Herrn auf die Tür zuging. Er kam bis zu Josua, der ihm den Weg versperrte. Josuas Augen bohrten sich in die Matthews, ließen keinen Zweifel über seine Absichten. Matthews Blick flackerte keinen Moment. Er zeigte eine mutige Entschlossenheit, die Josua zuerst fehlinterpretierte. Doch dann merkte er, dass der Zorn in den Augen des Jungen ihm galt. „Lass mich durch!“, zischte er kaum hörbar durch die Zähne. Doch mutig ging Matthew weiter, bis es zu einem Körperkontakt mit dem anderen kam, der partout nicht weichen wollte. Es sah für den Unbeteiligten aus, als stünde man sich zufällig unbeabsichtigt im Weg. Unnachgiebig setzte der junge Schwarze Schritt für Schritt seinen Weg fort, zwang den anderen zurückzuweichen und schaffte Platz, dass Charles ungehindert aus der Tür treten konnte. Er spürte Zacharias an seiner Seite, der ebenfalls durch eine unaufhaltsame Vorwärtsbewegung Josua in die Defensive brachte und seine Rückwärtsbewegung erzwang.
Josua verstand. Nicht nur, dass diese beiden Verräter ihm nicht helfen würden – sie verhinderten auch noch die Tat, die ihnen doch allen die Freiheit bringen könnte. Kapierten diese hündischen Naturen nicht, welche Chance sich ihnen bot? Freiheit – wenn sie es denn schaffen konnten, sich gegen die paar Weiße durchzusetzen, was im Bereich des Möglichen war. Die meisten waren noch auf den Weiden. Rache – wenn es ihnen gelänge, diesem großen Kerl die Kehle durchzuschneiden. Rache für die große Demütigung, die in ihrer Verknechtung bestand. Welch ungeheures Potenzial an ausgleichender Gerechtigkeit bot sich ihnen hier – und sie nutzten es nicht!
Das tödliche Messer blieb in Josuas Tasche. Matthew und Zacharias deckten mit ihren Leibern den Körper ihres Herrn ab. Er hätte einen von ihnen niederstechen müssen, um an Charles heranzukommen. Angewidert spuckte der Schwarze aus, stieß einen üblen Fluch zwischen den Zähnen hervor und gab den Weg frei.
Charles überlegte, ob er die beiden tadeln sollte, weil sie vor ihm den Raum verlassen hatten, was entgegen jeder Schicklichkeit war, was die unantastbare Hierarchie zwischen Herr und Diener dreist unterlief, doch er unterließ es. Er wollte die neu aufkeimende Entspannung zwischen ihnen nicht durch Kleinlichkeiten belasten.
Er tat gut daran, denn der Beitrag, den die beiden anderen zu diesem Neubeginn geleistet hatten, war vergleichsweise unverhältnismäßig viel größer.
Charles hatte keine Ahnung, dass Matthew und Zacharias ihm soeben das Leben gerettet hatten.
*
Sie kamen bei den Ställen an. Längst hatte sich der Tross, der Charles und Matthew folgte, um den Rest des gesamten Sklavenbestandes vergrößert, lediglich Josua fehlte. Zu unbezähmbar war die Neugier, die sie gepackt hatte. Flüsternd machte es die Runde, welches Anliegen ihren Herrn in die Sklavenhütten geführt hatte und beredte Blicke kommentierten die erneute Ungeheuerlichkeit. Ihr Master war zu einer unberechenbaren Größe geworden. Doch solange diese Erstaunlichkeiten sich in so angenehmen Rahmen bewegten, so lange wollte man sich nicht beschweren.
Red Culver kam aus den Ställen und staunte nicht schlecht über den seltsamen Aufzug an Hauptdarstellern und Publikum.
„Matthew, das ist Red Culver. Er kümmert sich um unsere Pferde“, stellte Charles vor, als ob das völlig neu für Matthew wäre. „Ich habe den Eindruck, Red, dass dich die Arbeit hier doch ziemlich fordert. Hab ich recht?“
Das tat sie eigentlich kein bisschen, und Culver war sich nicht sicher, ob in dieser Frage nicht ein versteckter Vorwurf lag, er würde seine Arbeit nicht ordentlich erledigen. Er hatte nicht die leiseste Idee, was das ganze Theater hier sollte und was jetzt die angemessene Antwort war. Aber es gab Fragen, auf die nur eine einzige Antwort passte. Und wenn der Herr dieses Schlosses schon seine Meinung in feste Formulierungen gepackt hatte, dann gab es nur noch die Möglichkeit, sie zu bestätigen. So waren nun mal die Spielregeln.
„Ja, Sir. Ist ‚ne Menge.“
„Siehst du?“ Die Bestätigung schien Charles zutiefst zu befriedigen. „Deshalb werde ich dir eine Hilfe an die Hand geben. Das hier ist Matthew. Er mag Pferde und wird dir ab sofort bei der Arbeit helfen. Wir haben derzeit mehr als genug Leute, die sich um die Felder kümmern. Ist das ein Wort?“
Die Frage galt Matthew und war eigentlich so überflüssig wie ein Kropf. Die Augen des Schwarzen strahlten. Aber Charles war noch nicht fertig.
„Wie geht es Tennessee Lady?“, fragte er Culver. „Kann sie noch geritten werden?“
„Sicher, Sir. Aber man sollte sie nicht mehr so sehr fordern.“
„Hol sie her!“
Tennessee Lady war seine Stute, die ihn jahrelang durch dick und dünn getragen hatte. Eine Verletzung am linken Hinterlauf, eine Knochenabsplitterung, hatte sie monatelang außer Gefecht gesetzt und Charles dazu gezwungen, sich für ein anderes Pferd zu entscheiden. Doch er hätte es nie übers Herz gebracht, das Pferd zu erschießen. Zu viel verband ihn mit dem treuen Tier, das nun schon über zwanzig Jahre alt war.
Als Culver die Stute herbrachte, gab es ihm einen Stich ins Herz. Er erinnerte sich wieder daran, wie das pfeilschnelle Tier mit dem Wind um die Wette gelaufen war, um ihn aus einem Kampfgetümmel herauszubringen, einem üblen Hinterhalt, der vier von Finns Männern das Leben gekostet hatte, die nicht das Glück hatten, ein solch edles Tier unterm Sattel zu haben. Das würde er der Stute nie vergessen, hatte er sich damals geschworen. Ein Schwur, der vergessen wurde, wie so viele andere wichtige Dinge, die ihre Gewichtung verloren, als andere Wichtigkeiten ihren Raum einnahmen.
„Na, altes Mädchen, wie geht’s denn so?“, fragte er leise und kraulte sie hinter den Ohren. Das mochte sie besonders gern. Die Stute senkte den Kopf und ließ sich die Liebkosung gern gefallen. Mit geblähten Nüstern sog sie den seinerzeit so vertrauten, aber dann in Vergessenheit geratenen Geruch ihres Herrn ein. Charles ließ sich ausgiebig Zeit sie zu streicheln und tätschelte ihr den Hals.
„Ich brauche dringend jemanden, der sich um dieses edle Tier hier kümmert“, erklärte Charles kategorisch. Culver fiel vor Erstaunen die Kinnlade runter. Seit acht Jahren war es ihm herzlich egal gewesen, was mit dem Tier passierte und jetzt rutschte die Betreuung der alten Pferdedame in der Prioritätenliste ganz nach oben! Aber es war ohnehin der Tag der Überraschungen, und da wollte er sich über nichts mehr wundern. Wer konnte schon ahnen, was in diesen hochherrschaftlichen Köpfen vor sich ging!
„Was ist? Willst du mal aufsteigen?“, fragte er Matthew. Ein Leuchten ging über dessen Gesicht, und er nickte. Seine Stimmwerkzeuge waren ganz offenbar derzeit nicht einsatzbereit.
Culver half dem Schwarzen beim Aufsteigen auf den bloßen Pferderücken. Charles drückte ihm den Führstrick in die Hand und dann führte Culver Pferd und Reiter im Hof einige Runden im Kreis. Endlich löste sich der Bann, der die ganze Zeit über der Szenerie gelegen hatte, diese gespannte Erwartung, ob sich dies alles nicht doch noch als ein übler Schwindel herausstellen könnte, als das Aufwachen aus einem schönen Traum, der eine lebenswerte Welt zum Thema hatte.
Jacob war der erste, der applaudierte. Und dann entlud sich die Begeisterung der anderen über das Glück, das Matthew hier widerfuhr, in einem wilden Klatschen, in anfeuernden Rufen, die sich in einen skandierenden Singsang fortführten und fast zwangsläufig in rhythmischen Tänzen endeten. Matthew saß immer noch auf dem Pferderücken, das schwarze Gesicht war ein einziges Strahlen, und glücklich kraulte er die Mähne der alten Stute. Er würde dafür sorgen, dass sie einen schönen Lebensabend bekäme.
Charles zog sich unauffällig zurück.
Ein guter Tag!