Leseprobe
Charles Eastbourne reitet los, um Miriam zu befreien
Die breite Allee, die Zufahrt zum Herrenhaus, ist von Baumreihen gesäumt, majestätischen Eichen, die noch der erste Eastbourne gepflanzt hatte. Zwischen den einzelnen Baumriesen mit weit ausladenden Kronen sind die verschiedensten Büsche und Sträucher gepflanzt, die bereits in voller Blüte stehen. Eine bunt blühende Pracht von atemberaubender Schönheit – für Naturliebhaber eine wahre Augenweide. Heute sind keine Naturliebhaber unterwegs, nur solche, die ein Interesse daran haben, dass die Büsche perfekte Deckung bieten.
Eastbourne passiert im gestreckten Galopp die Maueröffnung, hält in der Mitte der breiten Allee, lässt sein Pferd mehrfach um die eigene Achse kreisen und versucht die Einzelteile des Puzzles so schnell wie möglich zusammenzusetzen. Da sind nicht mehr als gerade mal zwei Dutzend Leute auf der Lichtung. Wo sind die andern? Charles kann sich nicht beklagen über Mangel an Interesse. Mit einem lauten Aufschrei stieben die Carlyle-Männer nach allen Seiten und bleiben in respektvoller Entfernung stehen.
Zu seiner Linken windet sich Miriam immer noch in den Armen des Mestizen, doch ihre Bewegungen sind schon recht kraftlos. Ja, Mike hat richtig vermutet: Sie ist blutüberströmt. Die Pulsadern ihres linken Armes sind aufgeschnitten. Das Blut verlässt in Strömen seine angestammte Bahn und vergießt sich nutzlos auf dem Boden. Charles versteht, dass er ohne die Hilfe des Armbrustschützen keine Chance hat, Miriam zu befreien. Er hofft inständig, dass Mike und seine Leute sich nicht irgendwo verplaudern.
Die ganze Aktion ist ohnehin ein Akt reiner Verzweiflung. Einen Plan gibt es nicht, man hat überhaupt keine Zeit gehabt, irgendeine Strategie zu entwickeln, hat keine Idee, welche Gegebenheiten man vorfinden würde, und ob Mike mit seinen Leuten überhaupt den Gang würde verlassen können – das steht in den Sternen. Jeden Moment kann der Rest der Mannschaft aufkreuzen. Und dann...?
Aber Charles ist trotzdem dankbar für die Chance. Es würde ihm die Gelegenheit geben, einen ehrenvollen Tod zu sterben und nicht hilflos und handlungsunfähig dem Gemetzel ausgeliefert zu sein. Nicht dass es ihm am festen Willen mangelt, Miriam zu befreien – aber er ist realistisch genug zu wissen, dass dieser Streich hier zum Scheitern verurteilt ist. Noch wichtiger ist es, dass er mit dieser Selbstmordaktion seine Würde wahren kann. Er hat die Möglichkeit, sich heroisch von dieser Welt zu verabschieden. Und wenn er Richards Blick richtig interpretiert hat, dann hat der das ebenso gesehen, und sein Abschiedsgeschenk, vielleicht auch der Versuch einer Wiedergutmachung seiner großen Schuld, ist eben diese Möglichkeit eines heldenhaften Abgangs.
Immer noch lässt er den Pinto seine Pirouetten drehen. Seine Augen suchen Miles Carlyle, aber erst bei der dritten Umdrehung wird er fündig. Miles Carlyle liegt am Boden mit aschfahlem Gesicht, das so grau ist wie der Morgen, der immer noch nicht richtig angebrochen ist. Einer seiner Leute, ein hagerer Mensch mit Pockennarben, stützt seinen Oberkörper und seinen Kopf. Seine Hände sind auf seinen Bauch gepresst und zwischen seinen Fingern quellen in unregelmäßigen Spasmen Ströme von Blut. Seine Blicke fixieren mit unaussprechlichem Entsetzen den Reiter über ihm.
„Eastbourne! Das gibt es nicht! Du bist tot! Der Giftpfeil...“
Charles dankt dem Himmel für das Geschenk, das ihm hier in den Schoß gefallen ist. Geistesgegenwärtig versteht er: Carlyle hält ihn für einen Geist! Ein kurzer Blick auf die Umstehenden sagt ihm, dass seine Männer diese Möglichkeit durchaus teilen. In deren Gesichter spiegelt sich beim Anblick des Totgeglaubten das gleiche ungläubige Entsetzen wider. Wie sollen sie auch nicht! Jeder hat vor fünf Wochen das heruntergekommene menschliche Wrack gesehen, dieses lebende Fragezeichen, mit verfilzten Haaren, bärtig, verkommen, unfähig zu gehen, darauf angewiesen getragen zu werden. Und alle haben gesehen, wie er unter dem tödlichen Giftpfeil zusammenbricht.
Und jetzt diese Gestalt! Aufrecht und stolz dominiert Eastbourne das wild tänzelnde Pferd, der Blick peitscht furchtlos und grimmig die Umstehenden und verweilt dann auf dem am Boden Liegenden. Charles fängt den zugeworfenen Ball in freiem Flug und bestätigt Carlyles Ängste:
„Du hast recht, Miles Carlyle. Ich komme aus der Hölle, und ich bin hier, um dich zu holen!“
Carlyles Stimme ist nur noch ein klägliches Wimmern. Er weist mit dem Kopf auf Miriam. „Sie hat mir den Bauch aufgeschlitzt. Tötet sie!“
Der gehorsame Fußabtreter seines Herrn macht auch tatsächlich Anstalten das Messer an Miriams Kehle zu setzen.
„Halt!“, donnert Eastbourne. „Du gibst hier keine Befehle mehr! In weniger als zehn Minuten stehst du vor deinem Richter, Carlyle, und dann wirst du Rechenschaft abgeben müssen über all die Schweinereien in deinem Leben, und das sind, weiß Gott, genug. Und jetzt willst du dir hier noch einen starken Abgang verschaffen und einen Mordbefehl geben? Die da oben werden mächtig beeindruckt sein.“
Carlyle starrt immer noch entsetzt auf den Mann, der sein Pferd gefährlich nahe an ihm vorbeitänzeln lässt. Charles’ Worte bringen ihm zum Bewusstsein, dass seine Verletzung notwendig zu seinem Tod führen wird – eine Erkenntnis, die ihm der Schock gnädigerweise bis jetzt noch vorenthalten hat. Allmählich dämmert ihm, was das Blut hier zwischen seinen Händen zu bedeuten hat.
„Tötet sie!“, wimmert er wieder. „Tötet sie!“
Wo zum Teufel bleibt Mike? Wenn der hirnlose Muskelprotz das tut, was er immer schon getan hat, nämlich bedingungslos seinem Boss zu gehorchen, dann ist Miriam verloren. Charles setzt alles auf eine Karte. „Ich werde jeden mitnehmen, der es wagt, das Mädchen anzurühren.“ Seine Stimme ist die des Jüngsten Gerichts, sein ausgestreckter Arm weist auf den Mestizen, der sofort das Gefühl hat, als ob sich alle Mächte der Hölle nun auf ihn konzentrieren. Die indianische Hälfte ist fest vertraut mit Geistern, die andere, christliche Hälfte versorgt ihn mit Höllenfurcht – eine Mixtur, die Charles in die Hände spielt. Die Hand mit dem Messer entfernt sich Gott sei Dank wieder ein wenig von Miriams Kehle. Der Lange scheint ernsthaft das Risiko abzuwägen. Lohnt es sich wirklich in der Hölle zu landen wegen einem Negerweib? Ist sein Boss noch in der Lage, ihn vor dem Teufel zu schützen?
Eastbournes Gestalt in dem weißen Hemd, das die ersten Lichtstrahlen des Morgens auf sich zieht, wirkt unwirklich wie ein Spuk. Aber Charles weiß auch, dass die Faszination seiner Erscheinung nicht ewig andauern wird. Je heller es wird, desto mehr wird er wie ein ganz gewöhnlicher Sterblicher wirken, und irgendeinen der Männer wird früher oder später das Fell jucken. Es steht zu erwarten, dass man ihm probehalber eine Kugel in den Kopf jagt, nur um zu testen, ob er wirklich ein Geist ist.
Endlich sieht er in den Augenwinkeln und von seiner erhöhten Position vom Pferderücken aus Mike und seine fünf Männer um den Mauervorsprung heransprinten. Noch einmal muss er die Aufmerksamkeit aller auf sich ziehen, um den Männern die Gelegenheit zu geben, ungesehen ihre Positionen einzunehmen. Er lässt sein Pferd wieder tänzeln und wendet sich an Carlyle, dessen Gesichtszüge bereits vom Tod gezeichnet sind.
„Du presst deine Hand auf deine Wunde. Gut. Aber spürst du, wie du immer schwächer wirst? Wie sich das Blut in deinem Bauch mit der Scheiße aus deinen zerschnittenen Gedärmen mischt? Du bist nur noch eine stinkende Kloake!“
Carlyles Augen sind vor Entsetzen weit aufgerissen. In seiner Phantasie setzt sich Eastbournes plastische Schilderung dessen, was sich in seinem Leib abspielt, zu Bildern zusammen und erfüllt ihn mit namenlosem Grauen. „Helft mir!“ Seine Stimme ist nur noch ein Flüstern. „Tut doch was!“
Charles beachtet ihn nicht mehr. Er muss sich dringend dem Mädchen widmen, dessen Blut immer noch fließt. Sie versucht wohl mit ihrer rechten Hand die Blutung zu verlangsamen, doch sie ist mit ihrer Kraft am Ende. Ihr Blick ist verschleiert auf ihn gerichtet und hat die vertraute Klarheit verloren. Die Zeit läuft ihm davon.
„Lass das Mädchen los! Sofort!“ Charles bringt sein Pferd aus der Schusslinie, damit Mike ungehindert schießen kann.
Das ist der Moment der Entscheidung. Der Lange ist ratlos. Er ist es gewohnt an Carlyles Lippen zu hängen und die Befehle umzusetzen, die dessen Mund verlassen. Dass jemand anderes Befehle ausspuckt, ist außerhalb seines überschaubaren Erfahrungshorizonts und stellt ihn vor eine intellektuelle Zerreißprobe. Muss man auch Geisterreitern aus der Hölle gehorchen? Doch Mike gibt ihm prompt eine überzeugende Entscheidungshilfe: Ein Pfeil, abgeschossen von einer Armbrust, zischt so nah am Kopf des Halbindianers vorbei, dass er den Luftzug spürt. Ein Raunen geht durch die Reihen. Die Männer drängen sich instinktiv noch weiter zurück. Der Pfeil kommt aus dem Nichts. Durch das Mauertor ist niemand gekommen, der gespenstische Reiter ist der einzige gewesen. Da sind sich alle sicher. Und jetzt schießen die Rhododendrenbüsche mit Pfeilen! Das Entsetzen kehrt in die Gesichter der Männer zurück.
Der Mestize lässt das Mädchen los, blickt sich hektisch um, wagt aber nicht mehr, sich weiter zu bewegen. Hilflos steht er an seinem Platz. Er mag wohl ein großer Kämpfer sein – die Masse seines Gehirns ist der seiner Körpermuskeln offenbar diametral entgegengesetzt. Miriam ist noch bei Bewusstsein, aber sie taumelt. Eastbourne spielt einen Moment mit dem Gedanken, sie zu sich auf das Pferd zu ziehen, aber den Gedanken lässt er schnell wieder fahren. Da werden seine Gliedmaßen nicht mitspielen, und Miriam selbst ist bereits zu schwach, um sich auf sein Pferd zu schwingen. Eine verpatzte Aktion würde seinen Nimbus des Höllenreiters sofort zerstören.
„Bringt sie ins Schloss!“, befiehlt Charles den Rhododendrenbüschen. Jetzt muss alles schnell gehen. Mike und Tom springen aus der Deckung, und mit einer erstaunlichen Präzision läuft Miriams Rettung ab. Mike gleitet geschmeidig hinter den Mestizen und streichelt mit seinem Messer dessen Kehle, entwindet ihm mit einem energischen Ruck sein Messer und zieht ihm seine Jacke halb herunter, so dass seine Arme blockiert sind.
„Du sagst jetzt deinen Leuten, dass sie die Füße still halten sollen, sonst bist du dran. Wenn einer es wagt, zu den Waffen zu greifen, dann schneid ich dir die Kehle durch!“
Mike sagt es leise und freundlich. Er will Eastbourne nicht die Show stehlen. Der hat das Sagen, und der macht seine Sache verdammt gut. Tom packt das Mädchen, hebt es behutsam auf den Arm und geht mit schnellen Schritten in Richtung Mauerportal. Mike folgt ihm, rückwärts gehend. Er lässt die Bande nicht aus den Augen. Den Mestizen, immer noch sein Messer am Hals, nimmt er mit.
Der Lange räuspert sich. „Keiner rührt sich! Verstanden? Finger weg von den Waffen!“
Tatsächlich stehen die Männer wie versteinert, allerdings weniger, weil sie um das Leben des Mestizen besorgt sind, als vielmehr, weil sie die ganze Situation komplett überfordert. Wann hatte man es je mit Geistern zu tun gehabt?
Charles versteht, dass die Geiselnahme keine schlechte Idee ist. Eine zweite ist vielleicht ebenfalls von Vorteil. Die Mehrzahl der Männer steht zu weit entfernt, aber der Mann, der Carlyle den Oberkörper hält, ist noch in Reichweite. Es mag wohl nicht als christliche Tugend durchgehen, dem Sterbenden seinen letzten Halt zu rauben – aber Carlyle ist bereits auf der Schwelle, die Welten zu wechseln. Es kommt wohl nicht mehr so sehr darauf an. Wieder gibt er den Rhododendrenbüschen einen Befehl:
„Den auch noch!“
Die Büsche spucken einen weiteren Mann aus, und weil ein Messer an der Kehle eine so große Überzeugungskraft besitzt, entschließt sich der Pockennarbige, der freundlichen Einladung zu folgen. Er lässt Carlyle vorsichtig ins Gras gleiten, sagt etwas, was Charles nicht verstehen kann und folgt widerstandslos.
Zum ersten Mal beginnt Charles an seine Chance zu glauben. Der Überraschungseffekt ist zuverlässig immer noch auf seiner Seite, die Dunkelheit noch schützend genug, um den Männern in den Büschen den Rückzug zu ermöglichen. Hoheitsvoll wendet er sein Pferd und reitet knapp an Carlyle vorbei. „Gehab dich wohl, Miles Carlyle“, donnert noch einmal seine Stimme. „Wir sehen uns in der Hölle wieder! Und wenn du drüben ankommst, dann stehen Maureen und mein Sohn ganz vorne in deinem Empfangskomitee. Zusammen mit all den andern, die du auf dem Gewissen hast. Verlass dich drauf! Du solltest dir schon mal ein paar saubere Ausreden einfallen lassen. Vielleicht fallen die da drüben drauf rein!“
Der Blick des vom Tod Gezeichneten gewinnt noch einmal an Schärfe, als er Charles’ Augen sucht und unverwandt durch ihn hindurchblickt. Mühsam versucht er sich aufzurichten.
„Eastbourne!“, flüstert er. „Du warst der Fluch meines Lebens!“ Dann fällt er in sich zusammen.
Charles’ Abgang ist von unnachahmlicher Arroganz. Er verschwendet an diesen primitiven Pöbel dort auf der Lichtung nicht mehr den geringsten Blick und reitet auf seinem tänzelnden Hengst Richtung Mauerportal, als ob alle Pfeile der Welt und sämtliche Kugeln obendrein ihn einen Dreck interessieren, so unverwundbar wie er als Geist nun mal ist. Dass er Blut und Wasser schwitzt, kann die Meute hinter ihm nicht mehr sehen. Er muss eisern jedes Geräusch ignorieren, muss dem Drang widerstehen, seinem Pferd die Sporen zu geben und sich mit ein paar mächtigen Galoppsprüngen in Sicherheit zu bringen. „Reiß dich bloß zusammen“, sagt er sich. Vor sich sieht er, wie Tom mit Miriam auf dem Arm bereits den Graben erreicht. Noch ein paar Schritte, und Miriam wird in Sicherheit sein. Seine Sorge gilt auch den Schützen in den Büschen, deren Rückzug auch nicht ungefährlich ist. Sie müssen warten, bis Charles hinter der Mauer verschwunden ist. Sein breiter, arrogant-schutzlos präsentierter Rücken ist eine freundliche Einladung ihm zum Abschied noch eine Kugel hinterherzuschicken.
Tatsächlich greift einer der Carlyle-Leute nach seiner Waffe, will diese Demütigung nicht unwidersprochen hinnehmen und zielt. Da trifft ihn der Pfeil aus den Büschen in den Arm. Es ist einer der letzten Giftpfeile, die den Attenborough-Leuten noch zur Verfügung stehen. Mit einem Schrei lässt der Getroffene die Waffe fallen und versucht verzweifelt, den Pfeil aus der Wunde zu ziehen. Er hat verstanden, dass dies sein Todesurteil sein wird. Einige der Umstehenden kommen ihm zu Hilfe. Wie viele Pfeile noch in diesen verdammten Büschen sitzen, ist nicht auszumachen. Besser man versucht sein Glück nicht noch einmal.
Für Mikes Männer ist dies der ideale und auch letztmögliche Moment für den Rückzug. Die Aufmerksamkeit der Leute auf der Lichtung verteilt sich gleichmäßig auf Miles Carlyle, der seinen letzten Kampf kämpft, und dem vom Giftpfeil Getroffenen, der den gleichen Weg vor sich hat. Die drei Schützen entfernen sich im Schutz der Dämmerung, die ihnen bald keine Deckung mehr geben wird, und verschwinden lautlos hinter dem Mauervorsprung. Von dort sind es noch gute zweihundert Yard bis zum Eingang der Höhle, die können im Sprint zurückgelegt werden. Schließlich ist man außerhalb des Sichtfelds der Lichtung. Jetzt können sie nur noch vom Lager aus gesichtet werden, aber dort ist niemand mehr. Alle Mann stehen auf der Lichtung und versuchen wieder Boden unter die Füße zu bekommen und zu verstehen, was gerade passiert ist. Sichernd blicken sich die drei um – niemand zu sehen. Dann verschwinden sie im Gang.
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